Normalerweise muss ich für den Gehirndurchfall am Sonntag etwas erfinden, aber manchmal ist nichts härter als die Realität.
…
Bahnfahren ist meistens öde. Nicht so heute.
Schon vor der Fahrt begannen die Merkwürdigkeiten.
Zum Beispiel war da die Frau, die scheinbar seit Jahren nicht mehr mit der Bahn gefahren ist und den Automaten nicht bedienen kann. Gut, man hilft ja gern – zumindest, wenn man dafür sowas wie ein Dankeschön bekommt. Neben der Ansage, dass sie ein Niedersachsenticket Single braucht, herrschte ihrerseits allerdings eisiges Schweigen. Egal.
In der Bahn nahm vor mir ein eigentlich ganz normal wirkender Typ Platz. Ich konnte erst nicht genau sehen, was er tat, nahm aber an, dass er telefonierte, weil er ununterbrochen mit sich selbst redete.
Wie sich jedoch schnell heraus stellte, gehört er zu der selten gewordenen Sorte Mensch, die auch ohne Handy viel Spaß haben können – und zwar die ganze Zeit und schön undeutlich.
Wenn er das halbwegs für sich behalten hätte, wer weiß, aber Einsteigende sind zu begrüßen, als wären es alte Freunde, auch wenn die nicht wie erwünscht reagieren. Egal, ich zumindest hab ja meinen MP3-Player dabei. Den kann man laut stellen …
Verdammt, Akku alle.
Kurz vor dem Umstieg in den nächsten Zug wurde der Redner vom Dienst nochmal sehr aktiv und wies mich freundlich darauf hin, dass ich noch eine Station weiterfahren könne. Technisch möglich, zugegeben, aber unpraktisch.
Vielleicht sehe ich so aus, als würde ich gern grundlos blöd von der Seite angequatscht werden. Vielleicht ahnte er nur, was im Anschlusszug passieren würde.
Eine Weile hatte ich Ruhe, in der ich mich nur fragte, warum so viele Leute im Zug auf das WC gehen, die nicht an dem Wohlergehen ihrer Mitmenschen interessiert sind (und ich meine damit nicht nur die Raucher).
Kurz vor Fahrtende fiel mir eine ältere Frau auf, die von Zeit zu Zeit vom Vierersitz vor mir angestrengt herüberschaute.
Zur Aufmunterung zwang ich mich zu etwas, das einem Lächeln ähnlich sehen sollte.
Ich hätte es lassen sollen. Irgendwie muss das bei ihr einen Nerv getroffen haben, denn wie auf Kommando kroch sie auf den Sitz vor mir, lugte mit funkelnden Augen über den Sitz und begann, mich zu beschimpfen. Wie sich herausstellte, schien sie meinen Lächelversuch als Hohn gedeutet zu haben.
“Ja, jetzt hab ich Sie erwischt!”, meinte sie verschwörerisch. Ich fühlte mich ertappt. Was wusste die gute Frau, welche meiner abgrundtief zwielichtigen Verbrechen hatte sie durchschaut?
“Das, was Sie machen, ist kriminell. Ich könnte Sie anzeigen!”, meinte sie ernsthaft. Jetzt wurde mir das Ganze etwas unangenehm. Ich wurde tatsächlich etwas rot.
“Zumindest werden sie noch rot, wenn Sie ertappt werden”, meinte die Alte.
Langsam wurde es aber doch Zeit, mal zu fragen, worum es geht.
“Sie wissen ganz genau, worum es geht!”
In meinem Kopf rotierte es. Ist sie eine Nachbarin, die vielleicht gesehen hat, wie wir nachts illegal die Kaninchen vor unserem Balkon mit alten Äpfeln füttern? Unwahrscheinlich. Ich bat sie, doch etwas konkreter zu werden (“Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden”).
Dann kam die Wahrheit. Zusammengefasst stellte sie fest:
“Sie sind ein Stalker und haben mich fotografiert. Da waren auch noch 5 oder so andere Typen wie Sie, die da mitgemacht haben, auch schon im letzten Monat. Ganz schlimme Sache. Sogar ihre Verwandten haben Sie und ihre Freunde bereits ‘beschattet’”.
…
Ach, richtig, so war das. Ich fotografiere in Zügen wildfremde Frauen und deren Verwandte und verhöhne sie anschließend bei weiteren Fahrten. War mir doch tatsächlich spontan entfallen.
Während dieser etwas anstrengenden Unterhaltung saß ein Mädel neben mir, das bis vor 5 Minuten ein Gespräch mit einer Freundin geführt hatte. Sie schaute genauso verdutzt drein wie ich.
Wie sich jedoch herausstellte, kannten wir uns natürlich längst und meine Komplizin hatte soeben ein verdächtiges Gespräch geführt. Geheime Absprachen und so.
Zum Glück hielt der Zug mit nur 10 Minuten Verspätung (auf einer 35-Minuten-Strecke) und einem Umweg durch den Güterbahnhof, sodass ich die Flucht vor den paranoiden Wahnvorstellungen der Alten ergreifen konnte. Meine Komplizin stieg sicherheitshalber an einer anderen Tür aus. Die Alte gab mir aber noch den guten Rat auf den Weg, mir das mit dem Lügen nochmal zu überlegen.
Die Wahrheit kommt irgendwann ans Licht!
(1) Bild: The Travelling Companions (public domain)