Um nicht den Verstand zu verlieren rufe ich bei meinen Eltern an. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Ich schaue auf das Display. Ich habe nicht die Nummer gewählt, sondern den Eintrag in meinem Telefonbuch. Das hat bisher immer geklappt. Soll ich mich trotzdem „verwählt“ haben?
Um mich zu vergewissern hole ich mein Adressbuch aus meinem Schreibtisch und überprüfe die Nummer, rufe erneut an. Immer noch kein Anschluss.
Ich rufe bei der Auskunft an, schließlich sind meine Eltern im örtlichen Telefonbuch eingetragen. Die Servicekraft am anderen Ende der Leitung kann mich nicht verbinden. Sie kann die Namen und die Adresse nicht zuordnen.
Besorgt setze ich mich in die nächste Bahn und fahre direkt zu ihnen. Wenn sie so nicht zu finden sind, wie sonst?
Meine Eltern wohnen in einem kleinen Häuschen am Stadtrand. Noch vor ein paar Jahren habe ich sie sehr oft dort besucht. Aus irgendeinem Grund habe ich aber das Interesse verloren und besuche sie nur noch unregelmäßig.
Das letzte Mal war ich vor zwei Monaten hier. Sie stritten sich, als ich vorbei kam. Ein paar Minuten habe ich mir das Ganze angeschaut, dann bin ich wieder weggefahren. Sie haben es gar nicht bemerkt, aber sich später entschuldigt. Den Kuchen mussten sie allein essen.
…
An der gewohnten Stelle ist kein Haus mehr. Keins. Auch die Nachbarhäuser sind verschwunden. Stattdessen stehen dort ein paar alte Bäume, die so authentisch wirken als würden sie tatsächlich schon seit Jahrzehnten stehen.
Ich versichere mich anhand der restlichen Umgebung, dass ich nicht zur falschen Stelle gefahren bin, aber es besteht kein Zweifel. Die Haltestelle, die umliegenden Häuser, der nahe gelegene Spielplatz, alles passt, nur das Haus meiner Eltern und die umliegenden Häuser sind nicht mehr da.
Ratlos setze ich mich auf eine Bank auf dem Spielplatz und versuche, das Ganze zu verstehen. Langsam gewinne ich den Eindruck, dass mein Hirn mir etwas vorgaukelt, dass ich eine Art Psychose haben muss, die mich in Scheinwelten abdriften lässt. Vielleicht bin ich sogar schizophren? Borderline-Syndrom? Wäre ja nicht der erste.
Nach einigen Minuten, Stunden? mache ich mich auf dem Weg zur Haltestelle der Straßenbahn und warte auf die nächste Bahn.
Es kommt keine.
Nach einer Stunde ist immer noch keine gekommen. Vielleicht gab es einen Unfall?
Erst nach 90 Minuten fällt mir auf, dass der Straßenbahn die Schienen fehlen. An der Stelle, an der die Schienen sein müssten, ist einfach nur Straße. Mir wird schlecht.
Wie benommen frage ich einen Fußgänger, was mit den Schienen sei. Der schaut mich irritiert an und behauptet, auch nach mehrmaligem Nachhaken, dass es hier keine Straßenbahn gibt. Und mit „hier“ meint er: nirgendwo in der Stadt.
Und wie erklärt er sich das Haltestellenschild und den Fahrplan, frage ich ihn. Daraufhin zuckt er nur mit den Schultern und nuschelt etwas von verschwendetem Steuergeld.
Also muss ich nach hause gehen mit meinem zertörten Hirn. Träume ich gerade? Hat das alles demnächst ein Ende oder wird alles nur noch schlimmer?
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Verflixte Steuerverschwendung! Kein Wunder, dass man da verrückt wird. Das hält ja keiner mehr aus …