Gegen drei Uhr wache ich kurz auf, weil ich meine, etwas gehört zu haben.
Tatsächlich ist die Tür zum Zimmer aufgegangen und jemand steckt seinen Kopf hindurch. Zuerst erschrecke ich mich, aber dann sehe ich, wer es ist: Shirin!
Wie benommen reibe ich mir die Augen und schaue noch einmal zur Tür. Diesmal ist sie geschlossen, keine Shirin. Aber ich möchte es jetzt genau wissen. Ich stemme mich ächzend vom Bett und gehe zur Tür. Als ich sie öffne, steht Shirin dahinter. Ich habe mir doch nichts eingebildet.
“Shirin! Du bist zurück?”, bringe ich entgeistert hervor.
Noch bevor sie antworten kann kommen mir die ersten Tränen. Ich hatte überhaupt nicht mehr damit gerechnet, dass sie jemals wieder auftauchen würde, hatte mir vorgestellt, dass ihre Leiche irgendwann in einem ausgetrocknetem Flussbett gefunden würde oder in irgendeinem Sumpf. Oder schlimmer noch, dass sie an den Falschen gerät, der sie nur schlägt und misshandelt. Meine Erleichterung kennt kaum Grenzen.
“Johann! Johann, was ist denn los? Ich war doch nur ein paar Tage bei Mutter. Habe ich dir so entsetzlich gefehlt?”
“Ein paar Tage nennst du das? Sehr witzig. Ich bin fast gestorben vor Sorge!”
“Aber ich habe dir doch Postkarten geschickt!”
Mit diesen Worten zeigt sie auf einen kleinen Stapel Postkarten, der mir bisher entgangen sein muss.
“Ich habe dir alle paar Tage eine Karte geschickt, damit du weißt, wie es mir geht”
“Das … habe ich offenbar übersehen”
“Wir können ja morgen nochmal darüber reden, wenn du magst. Ich habe frei und wir können ins Kino gehen oder so”
“Das klingt sehr gut. Lass uns das machen, morgen”
“Und du gehst jetzt wieder schlafen. Die Erholung scheinst du nötig zu haben”, meint sie grinsend.
Dann schiebt sie mich behutsam ins Zimmer zurück, wünscht mir eine gute Nacht und schließt die Tür hinter mir.
So gut wie in dieser Nacht habe ich schon lange nicht mehr geschlafen.
Wandern: zurück, vor, zum Anfang, zur Übersicht
Oh, dann ist ja alles gut. Du hättest Dir das Schreiben des Romans also ersparen können.