
Süßes Tierchen, das nichts mit dem Folgenden zu tun hat (1)
Angeregt durch diesen Beitrag zum Thema Talent sind mir ein paar Gedanken zu markigen Sprüchen gekommen.
Großartige Sprüche wie “Mach das, was du liebst” sorgen bei entnervten, sich selbst psychisch zerfahrenden Persönlichkeiten für kurze, aber wohlige Entspannung.
Das Hauptproblem mit diesen Sprüchen ist ihre problematische Umsetzung in die Wirklichkeit. Am Beispiel des schon genannten Spruchs will ich das einmal erläutern.
Zuerst einmal braucht man etwas, das man liebt. Schon hier wird es problematisch, denn die eigenen Gehirnwindungen sind keine Autobahn ohne Stau, sondern oft eine verwinkelte mittelalterliche Innenstadt mit autofreier Fußgängerzone. Bei Fragen wie “Was will ich eigentlich?” oder “Was liebe ich?” hat jeder Teil der gespaltenen Seele eine eigene Ansicht vorzutragen. Nicht nur echte Emotionen werden ans Bewusstsein geliefert, sondern auch Erwartungshaltungen, die man nicht als die Zwangsvorstellungen entlarvt oder entlarven kann, die sie sind.
Wenn man dann aber doch mal soweit ist, sich mit seinen schizophrenen Persönlichkeitsabschnitten auf eine gemeinsame Leidenschaft geeinigt zu haben, kommt schon die nächste Schwierigkeit: Die Umsetzung, das “Machen” an sich.
Man hat also vielleicht gerade herausgefunden, dass man schon seit dem siebenten Lebensjahr mit großer Begeisterung Galgenmännchen malen kann und will diese Leidenschaft nun ausbauen.
Um dies zu bewerkstelligen, müssen sorgsame Planungen unternommen werden, bei denen jeder Aspekt der kommenden Aufgaben durchdacht sein will. Schließlich möchte man sich die Leidenschaft nicht durch Halbherzigkeit zerstören.
Womit zeichne ich? Muss ich spezielles Papier besorgen, auf dem Galgenmännchen besonders gut zur Geltung kommen? Sollte ich mir ein Zeichentablett für den PC zulegen? Damit kann man alle Vorteile der digitalen Bilderstellung und -verarbeitung nutzen.
Natürlich muss das Thema auch mit Freunden heiß diskutiert werden. Die moralischen und ethischen Grundfragen gehören geklärt. Foren für Galgenmännchenzeichner müssen gefunden werden oder neue erstellt werden.
Und zu guter letzt muss man die Zeit finden, die waghalsigen Pläne in die Tat umzusetzen, sich nach der Arbeit Zeit freischaufeln, um wie getrieben eine Zeichnung nach der nächsten zu schaffen, zu diskutieren und sich mit anderen über Feinheiten auszutauschen (“Schlingen für Fortgeschrittene”, “Mimik und Gestik Erhängter”, “Galgenhölzer dieser Welt” etc.).
Am besten wäre es, den Job aufzugeben und sich ganz und gar auf die Leidenschaft zu konzentrieren …
Was dann jedoch finanzielle Probleme mit sich bringt. Professionelle Galgenmännchenzeichner sind laut einiger Gehaltsstudien in monetär gesehen bedrückender Lage. Gerade in Zeiten der Krise sind Auftraggeber paradoxerweise kaum daran interessiert, einen Galgenmännchenzeichner zu engagieren, obwohl er doch die gebeutelten Opfer der Krise treffend darstellen kann.
Puh. Das wird alles schwer. Zu schwer. Und wer weiß, wie lange diese Leidenschaft hält? Vielleicht setzen sich in wenigen Wochen die inneren Befürworter für die Fast-Leidenschaft “Tierlaute nachahmen” durch und alles muss nochmal durchdacht, durchplant werden bis ins letzte Detail.
Dieses Beispiel soll also gezeigt haben, dass zwischen “Mach das, was du liebst” und der Umsetzung einige Stolpersteine liegen können. Und weil man nun die Einsicht gewinnen kann, dass markige Sprüche mit der unüberschaubaren Wirklichkeit kaum etwas zu tun hat, bietet “Nimm’s nicht so schwer” eine ordentliche Ablenkung.
Obwohl: So einfach ist das dann ja auch wieder nicht.
(1) Blizzard, the pup in Antarctica / photograph by Frank Hurley


Ich schätze, beim Beispiel des Spruches „Mach, was Du liebst“ ist es sinnvoll, zu unterscheiden, ob es Lebensgrundlage werden soll oder tatsächlich nur zur zeitweiligen Erfüllung dient.
Letzteres ist nicht per se als kurzfristig und wirkungslos anzunehmen: Man kann danach wieder etwas machen, dass einen zeitweilig erfüllt. Ich habe daher beim Spruch auf das „Das“ verzichtet, um zu verdeutlichen, dass der Spruch methodisch verstanden werden kann anstatt fokussiert auf eine bestimmte Sache.
Fokussierung selbst beinhaltet schon etwas Zwanghaftes, dass Du auch im Artikel wiederholt durchscheinen lässt: Man müsse sorgsam Planen et cetera. Dieses Zwanghafte widerspricht dem Spruch schon auf zweierlei Weise: Zwang verbindet man nicht mit dem, was man liebt; und ergründen, planen, diskutieren sind nicht jene Verben, die mit „machen“ assoziiert werden wollen. Machen hieße einfach loszulegen. Wenn man unschlüssig ist: ausprobieren.
Ein innerer Widerspruch steckt freilich in dem Spruch selbst: Der Imperativ ist zwanghaft. So wie: „Sei jetzt mal spontan!“ Man kann sich nicht auf Befehl danach verhalten. Es kann jedoch funktionieren, wenn es einem zur eigenen Einstellung wird.
Möchte man hingegen das Geliebte zur Grundlage für das Bestreiten des Lebensunterhaltes machen, sind wohl oder übel Planungen notwendig – insbesondere, wenn man Verbindlichkeiten wie Familie oder Kredite besitzt. Verbindlichkeiten bedeuten Zwänge. Den Lebensunterhalt zu bestreiten bedeutet einen Zwang, wenn man Überlebenswillen voraussetzt.
Damit ist der markige Spruch für dieses Szenario tatsächlich zu simpel.
Als Einstieg, ohne gleich alles umwerfen zu wollen, aber nicht schlecht.
Gerade der Aspekt des Imperativs, den du ansprichst, ist sehr interessant. Würde so ein Imperativ ernsthaft wirken, gäbe es sicher 95% weniger ratgebende Bücher.
Dazu fällt mir außerdem die Analogie zum “Weg des geringsten Widerstands” ein.
Jemand, der an einem Wendepunkt seines Lebens steht, kann einen Spruch wie den genannten aufnehmen und kurzfristig mit Energie einen Wandel vollziehen.
Jemand anderes hingegen mag völlig festgefahren sein und sich mit Sprüchen dieser Art eine zeitweilig kuschelige Decke stricken, um die eigene Situation zu ertragen, jedoch nicht zu ändern; ganz im Sinn von “Wenn ich wollte, könnte ich!”