[Aufpassen, Sarah!] Shirins Freund

Shirin hatte mal einen Freund. Der Typ wirkte eigentlich ganz nett, ein bisschen wie ihre Rettung, wie ein Licht am Ende des Tunnels. Die ersten Monate wirkten beide wie voneinander beflügelt und waren selten getrennt anzutreffen. Im Gegensatz zu ihr schien er eine Frohnatur zu sein und sie aus ihrem Dauerzustand der Depression herauszuholen.

Nach etwa einem halben Jahr kam es zu einem sichtbaren Bruch. Johann, so hieß er, war kaum wiederzuerkennen. Als hätte er tagelang nicht geschlafen, hatte er tiefe Augenringe und war meistens kreidebleich. Ich fragte Shirin damals, was er für ein Problem hat, aber sie konnte mir nichts sagen. Drei Monate später trennten sie sich voneinander.

Wie sich einige Monate später herausstellte, war Johanns Bruder gestorben. Shirin bemühte sich darum, Johann bei Laune zu halten, doch er wurde immer missmutiger und verschlossener. Nach einigen Wochen schien die Wut in ihm Überhand zu nehmen und er begann, Shirin zu beschimpfen und zu demütigen. Daran schien er ausreichend viel Freude zu haben, um es bis zur Trennung auf die Spitze zu treiben.

In den letzten Wochen vor der Trennung hatte Shirin oft blaue Flecke und ging mit großer Vorsicht durch die Wohnung, um ihren offensichtlich angeschlagenen Körper zu schonen. Auf ihr Äußeres angesprochen gab sie sich kaum Blöße. Irgendeine Ausrede fiel ihr immer ein. Wenn man versuchte, das offensichtliche anzusprechen wurde sie schnell laut und abweisend. Erst gegen Ende gab sie ihre Abwehrhaltung auf und vertraute sich mir und unseren Eltern an.

Sie steckte in einem Zwiespalt: Einerseits verstand sie Johann, der eine schwere Zeit durchmachte und seine Frustration nicht loswerden konnte. Auf der anderen Seite wollte sie selbstverständlich so weit wie möglich von ihm weg, um seinen Demütigungen und Schlägen zu entgehen.

Shirin hält viel aus. Sie hat schon einiges durchgemacht und kann einiges ertragen. Aber als die Schläge sich häuften und Johann jede Beherrschung verlor, kam sie zur Vernunft und trennte sich von ihm. Wir befürchteten anfangs, dass Shirin von Johann heimgesucht werden könnte, dass er ihr auflauern würde, um sich an ihr zu rächen. Aber Johann hatte scheinbar begriffen und ließ sich nicht mehr blicken.


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