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[Aufpassen, Sarah!] Beim Bäcker

Als ich heute früh mal wieder zum Bäcker ging, um mir zwei Brötchen für das Frühstück zu kaufen, fiel mir zum ersten Mal die Verkäuferin auf. Ich kann mir gar nicht so recht erklären, warum sie mir nicht schon früher aufgefallen ist, schließlich habe ich sie schon recht oft im Laden angetroffen.

Sie fiel mir heute auf, weil sie immer ein bisschen in Rätseln spricht (wenn man sie lässt) und mich ausnahmsweise nicht ignorierte. Sie kann auch ganz geradeaus die üblichen Sätze an den Mann oder die Frau bringen. Aber wenn sie das Gefühl hat, sie hat keinen Rein-Geradeausdenker vor sich, geht sie andere Wege.

Das kann ganz subtil sein: “Guten Morgen, der Herr!” zur Begrüßung, oder “Na wer kommt denn da herein geschneit?” hin zu “Was für Teigwaren dürfen es heute sein?” oder “Heute gibt es nur noch alte Brötchen. Sie können wählen: Brötchen von letzter, vorletzter oder vorvorletzter Woche” Die meisten Leute, die ihrer Meinung nach so aussehen, als könnte man mit ihnen Scherze treiben, schätzt sie offenbar meist falsch ein, denn meistens bekommt sie keine zufriedenstellende Antwort.

Warum ich aus ihrem Komikerschema herausfalle, will mir nicht so recht klar werden. Vielleicht sollte ich ihr mal sagen, dass sie mit mir auch ihre Scherze treiben darf. Dann hätte ich wenigstens etwas, das ich auf meinem Blog veröffentlichen könnte:

“Ich hab so eine komische Bäckerin um die Ecke. Die redet nur Stuss. Warum die gerade mich anspricht – ich habe echt keine Ahnung. Die muss denken, ich wäre so ein unterbelichteter Kiffer, der nicht mal aus der Ruhe kommt, wenn seine Schwester verschwindet! Unverschämtheit!”

Aber wenn ich ihr sowas sagen würde, wäre ich vermutlich ganz bei ihr durch. Sowas fordert man nicht. Entweder es geschieht oder nicht. Wenn es niemals geschieht, ist es halt Pech.

Nur kurz bevor man stirbt sollte man dann ein letztes Mal zum Bäcker gehen und sagen: “Wissen Sie, Frau Bäckereifachverkäuferin, ich find ihren Humor sympathisch. Mit mir hätten Sie ruhig ihre Späße (*hust*, *hust*) treiben können. Aber sie wollten ja nicht. Aber jetzt sterbe ich und es wird niemals mehr was damit. Ha!”

Und dann sollte man fluchtartig den Laden verlassen, soweit es die todbringende Krankheit beziehungsweise Verletzung zulässt und wortlos, aber viel hustend irgendwohin sterben gehen.

Heute jedoch muss sie einen besonders schlechten Tag haben. Ihr Augen haben tiefe Ränder und ihre Tränensäcke sehen mitleiderregend aus. Und weil sie wohl nicht so gut sehen kann, hält sie mich vielleicht für so einen Business-Guy und bringt ihre Komikernummer.

“Heut’ gibt es alles teigweise. Wieviel Teig soll’s denn sein?”

“Soviel dass man davon ein Frühstück bestreiten kann”

“Das ist ziemlich ungenau, der Herr. Wieviel Leute werden dem Frühstück denn beiwohnen?”

“Das wird nur eine einzelne, einsame Person sein. Das Leben meint es nicht gut mit ihr”

“Wenn das so ist, kann ich nur einfache Brötchen anbieten. Interessante Brötchen mit Krümelkram und so gibt es nur für Leute, die sie sich durch partnerschaftliche Zusammenarbeit verdienen”

Ich würde an dieser Stelle gern etwas furchtbar Schlaues erwidern, aber ich habe gerade nicht einmal ihren seltsam langen und unverständlichen Satz verstanden. Wer verdient was unter welchen Umständen? Egal.

“Ja”, erwidere ich entschlossen und nicke bekräftigend. Ich hoffe, sie schluckt das.

Ich habe Glück. Die gute Frau erbarmt sich meiner und steckt zwei Brötchen in eine Tüte.

“60 Cent sind’s dann. Bitte sofort bezahlen. Anschreiben ist heute leider nicht möglich”

“Sicher, sicher”, erwidere ich und greife nach meiner Brieftasche. Beim Auszählen der 60 Cent fällt mir die Brieftasche natürlich herunter und das Kleingeld verteilt sich gleichmäßig und unerträglich laut in der Backstube.

Die Kunden, die hinter mir warten, schauen mich teils verärgert, teils desinteressiert an. Helfen will mir niemand. Typisch deutsche, moderne Einstellung nach den Gleichheitsprinzip: “Du bist mir genauso egal wie ich dir”

Natürlich hätte man jetzt erwartet, dass zumindest die Komikerin zuhilfe eilt, aber da habe ich mich getäuscht.

“Wenn Sie da gerade noch zu tun haben, mit Ihrer Aufräumaktion, seien Sie doch so lieb und machen Sie etwas Platz für die anderen Kunden, damit es hier wieder vorwärts geht. Schließlich wollen nicht nur sie großartig frische Brötchen kaufen”

“Sicher, sicher”, antworte ich flach und ärgere mich darüber, dass ich nicht mehr sage, dass ich mich nicht kräftig aufrege und die deutsche Mentalität schlecht rede. Aber wenn ich mich recht erinnere, ist das eine weitere großartige und hocheschätzte Eigenschaft der Deutschen: Mäkeln ohne Ende.

Gut, gut, denke ich mir und suche mir zwischen den Füßen der Kunden meine Münzen zusammen.

“Auf wiedersehen”, murmele ich im Abgang und krieche nach Hause.


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2 Kommentare

  1. Diese Episode mit der Bäckerin ist ein liebenswürdiges Detail, wie man es sehr gern in Romanen findet. Vielleicht baust Du es noch weiter aus – man wird sehen – aber mir gefallen besonders Romane, die so etwas zusätzlich zu ihrer Haupthandlung führen. Wie kleine Kurzgeschichten, die sich zwischendurch im großen Buch verstecken.

  2. [absichtlich etwas in Rätseln spricht:] Mit “Ausbauen” liegst du richtig, sogar richtiger als gedacht …