“Shirin? Welche Shirin?”
“Shirin Takama! Sie arbeitet seit drei Jahren bei Ihnen!”
“Lassen Sie mich einen Moment in den Unterlagen nachsehen. Bei uns arbeiten ja doch ein paar mehr Leute, als ich immer im Blick habe”
Nach einer kurzen Pause und etwas Getuschel im Hintergrund meldet sich die weiblich Stimme zurück. “Tut mir Leid. Sind Sie sicher, dass Sie die richtige Nummer gewählt haben?”
Die gute Frau am anderen Ende scheint nicht ganz auf der Höhe zu sein.
“Hören Sie: Ich weiß genau, dass ich gerade bei Werbabim anrufe und dass Shirin bei Ihnen arbeitet. Wie ist Ihr Name eigentlich nochmal?”
“Helga Roth … Ich kenne hier eigentlich die meisten. Mich wundert es, dass ich diese Shirin ..”
“Ich will Sie ja nicht unterbrechen, aber Shirin hat immer von Ihnen erzählt. Sie sitzen ihr doch direkt gegenüber, oder etwa nicht?”
“Mir gegenüber? Nicht dass ich wüsste … Mir gegenüber sitzt meine Kollegin Susanne Spahn. Und die sitzt da schon seit einigen Jahren. Und überhaupt kenne ich keine Shirin”
Die Frau regt mich auf. Wie kann man nur so verbohrt sein?
“Das kann ich einfach nicht glauben. Schauen Sie: Vor ein paar Wochen waren Sie doch krank, nicht wahr?”
“Äh, ja. Woher wissen Sie das?”
“Shirin hat es mir erzählt. Was dachten Sie denn? Und in der Zeit ist Shirin immer zu Ihnen gefahren, nach Feierabend, und hat Ihnen seelischen Beistand geleistet. Zweimal habe ich sie sogar dorthin gefahren. Macht es bei Ihnen immer noch nicht ‘klick’?”
“Nein, tut mir leid. Das ergibt alles keinen Sinn. Als ich krank war, kam überhaupt niemand vorbei. Nach drei Wochen ohne Anruf und Besuch bin ich zum Arzt gegangen und habe mir Antidepressiva verschreiben lassen”
Diese Frau nahm (nimmt?) ihre Antidepressiva offenbar nicht ohne Grund. Offenbar ist jede Diskussion zum Scheitern verurteilt. Entmutigt gebe ich auf.
“Okay. Lassen wir die Diskussion. Danke für die Auskunft und … ähm gehen Sie ruhig regelmäßig zu Ihrem Arzt”
“Äh, Ärzt? Wieso? Ich bin doch wieder …”
An dieser Stelle lege ich auf. Es bleibt nicht viel festzustellen: Shirin ist immer noch verschwunden. Ich würde gerne ihre Freundinnen anrufen, aber außer der Nummer ihrer Arbeitsstelle habe ich nichts außer ein paar Namen, die ich unmöglich zuordnen kann.
Auf der einen Seite würde ich gerne bei der Polizei anrufen und eine Vermisstenanzeige aufgeben. Andererseits ist Shirin alt genug, um auf sich selbst aufzupassen und ist in der Vergangenheit schon öfter unangemeldet verschwunden. Vielleicht sollte ich ihr einfach noch ein bisschen Zeit geben.
Wandern: zurück, vor, zum Anfang, zur Übersicht
Erinnert ein bisschen an Haruki Murakami. Du weißt sicherlich, verschwundene Leute …
Ohne auf der Geschichte herumhacken zu wollen, muss ich zum Umgang mit Arzt und Krankheit noch einmal etwas sagen: Es kommt mir merkwürdig vor, dass eine Frau drei Wochen krank ist, dann erst zum Arzt geht, scheinbar aber kein Problem hat ihren Arbeitplatz zu behalten.
Dass sie am Geschäftstelefon einem ggf. Wildfremden sagt, dass sie sich ein Antidepressivum hat verschreiben lassen, ist auch ungewöhnlich. Allerdings kann die Frau leicht ungewöhnlich sein, das mit dem Arzt und Arbeitsplatz hingegen ist schwerer erklärlich.
Sorry, falls diese Kritik etwas voreilig ist, denn man wird ja erst sehen, wie es weitergeht. Aber dieser Blog hat nun einmal jene verlockende Kommentarfunktion …
Kritik ist ja nützlich, keine Frage
Das fehlende Stück Information an dieser Stelle ist: Die gute Frau war schon beim Arzt, ist aber wegen ihres Gemütszustands, der sich neben ihrer “eigentlichen” Krankheit entwickelt hat, nochmal hin. Das habe ich unter den Tisch fallen lassen.
Hui, eine elegante Lösung des Rätsels. :O