Moderne, erfolgreiche Musik darf und kann nicht leise sein.
Leise Musik ist unhörbar
Man hört Musik nicht mehr nur zuhause, wo man zumindest die Möglichkeit hat, sich Ruhe und Zeit zum Hören zu nehmen, sondern auch gern unterwegs im Zug, im Auto, beim Spazieren, während des Sports oder wenn einem langweilig ist.
In vielen Fällen müssen dabei erhebliche Umgebungsgeräusche übertönt werden. Wer nun beispielsweise versucht, klassische Musik oder Jazz zu hören, muss ständig die Lautstärke des Players anpassen, denn solche Musik zeichnet sich durch besonders starke Dynamik aus. Manchmal ist die Musik an der Grenze des Hörbaren, um Sekunden oder Minuten später am anderen Ende des Pegels anzukommen.
Wenn Umgebungsgeräusche die Musik stören, sind die leisen Abschnitte nicht zu hören, also muss man lauter stellen. So, wie dadurch die untere Grenze angehoben wird, geschieht es auch mit der oberen. Während die untere Grenze nun hörbar ist, fallen einem bei den lauten Abschnitten die Ohren ab.
Einfacher und praktischer ist es also, wenn die Musik recht gleichmäßig auf einem Pegelstand verharrt. Entsprechend hat sich die Musikindustrie darauf eingestellt und produziert vor allem Pop und Rock auf Maximal-Pegel.
Auf Lärm getrimmte Musik kennt keine Zwischentöne, ist grell und auf Dauer emotional deutlich weniger ansprechend als sie sein könnte. Besonders der Faktor Zeit ist dabei entscheidend. Laute Musik ist gerade im ersten Moment interessant, reißt die Aufmerksamkeit des Hörers auf sich und kann ihn so begeistern.
Doch dieser Effekt geht schneller verloren als eigentlich nötig, nicht nur wegen fehlender Dynamik. Durch die künstliche Gleichmachung gehen außerdem Frequenzen verloren, die durch die aus dem hörbaren Bereich “gedrückt” werden.
Pärt verbogen
Zur Verdeutlichung hier ein Beispiel mithilfe der letzten Sekunden aus Arvo Pärts 3. Sinfonie. Dargestellt und abspielbar sind nacheinander die unbearbeitete Version ohne jegliche Verluste und danach eine künstlich im Pegel angehobene Version, in der weniger Unterschiede in der Lautstärke auftreten.
Original-Ausschnitt: Arvo Pärt – 3. Sinfonie – Alla breve
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
Bearbeiteter Ausschnitt1 Arvo Pärt – 3. Sinfonie – Alla breve
Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.
Ein Ende der lauten Ära ist vorerst nicht in Sicht.
Zum Weiterlesen
- Dynamikschwund in der Popmusik – Tage des Donners (Süddeutsche-Artikel)
- Über den Loudness War (Wikipedia, englisch)
- The Death of High Fidelity (Rolling Stone)
- The Loudness War Analyzed (Music Machinery)
- Dynamic Range (Seite für mehr Hörgenuss)
Für die Hüter der Tonträger und Interessierte
- Ausschnitte aus und basierend auf Arvo Pärts 3. Sinfonie für Orchester (© Arvo Pärt 1971); Ausschnitte werden ohne Erlaubnis, allerdings nur zur Veranschaulichung, in geringer Länge und mäßiger Qualität zur Verfügung gestellt; amazon
- Henryk Mikołaj Góreckis 3. Sinfonie - Lento – Cantabile semplice (mit Zofia Kilanowic) (© Henryk Górecki 1976, bekannt geworden aber erst Anfang der 1990er); amazon.
- Arvo Pärt und Henryk Gorecki werden manchmal dem holy minimalism zugeschrieben
- Murder on the Dancefloor von Sophie Ellis-Bextor vom Album Read My Lips (© Sophie Ellis-Bextor 2001); amazon




hallo! sehr guter beitrag zum thema. die info war sehr nützlich für mich und hoffe dass mehr leute diesen artikel lesen.
Hallo Daniel,
Ich freue mich, dass dir der Artikel etwas gebracht hat.
Für die Gegner lauter Musik bleibt momentan oft nur noch der Weg in den Laden, zum Kaufen eines Gehörschutzes