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Keine Zeit, keine Zeit …

… Schon gar nicht zum selbst nachdenken. Der Zustand “always on”, der so langsam das Nervenkostüm der Gesellschaft zersetzt, sorgt dafür, dass niemand mehr zum Nachdenken kommt.

Wenn eine neue Nachrichtenbombe einschlägt, zur Zeit sowas wie “Schweinegrippe” oder “Irrwege der Zensursula”, wird im Netz wildes Rauschen erzeugt. Jeder findet das auch doof, jeder ist voll aufgeklärt und bildet sich eine total eigenständige Meinung.
Da werden sinnentstellte Zitate zerlegt und grobe Verallgemeinerungen vorgenommen. Wer zehn Minuten recherchiert und seine Ergebnisse im heise-Forum niederschreibt, ist sogleich Einäugiger unter den Blinden. Zumindest der Anzahl der Meldungen nach müsste man meinen, da wäre viel Wissen vorhanden statt Reproduktion und heißer Luft ohne Ende.

Nehmen wir den Streit um Seitensperrungen wie er auch in anderen Ländern (z.B. Australien) derzeit großes Thema ist: Da sind sich alle Netzler einig: Das geht nicht, das darf nicht. Da müssen Petitionen eingereicht werden, da wird Stunk gemacht.

Allein die Denkschritte vieler Zensursula-Hasser sind seltsam. Das Ganze soll nämlich so von Statten gehen:

  • Ein Gesetz wird verabschiedet, das die (indirekte) Blockierung kinderpornographischer Seiten vorsieht. Und weil das so praktisch ist,
  • kann man dieses Gesetz auf alle möglichen Seiten ausdehen, die problematische Inhalte umfassen. Und da ist die große Angst der aufrührerischen Blogger und Schreiberlinge, dass
  • ihre Seiten auch verboten werden, weil sie so wahnsinnig subversiv sind. Ebenfalls unschön finden es jene Leute, dass unter Umständen mehr Seiten geblockt werden als eigentlich beabsichtigt (mit Recht).

Aus der Sperre illegaler Inhalte reden sich die Sperrgegner also effektiv eine Zensur zurecht. Das wird vielleicht so kommen, vielleicht auch nicht. Reine Spekulation.

Bei all dem Dagegen!-Dagegen!-Geschrei geht völlig unter, dass wir tatsächlich seit Jahren Probleme mit extremen/extremistischen Seiten haben und bisher kaum Handhaben gegen Kinderpornographie, Rechtsextremismus, Verfassungsfeindlichkeit etc. bestehen (sowohl im Netz als auch im “echten” Leben) und vorhandene Mittel unzureichend genutzt werden.
Wie wäre es also mal mit Innehalten und konkret nachdenken? Wenigstens einen einzigen Schritt weiter, zum Beispiel:

Was kann man statt der derzeit notdürftigen Umsetzung sonst machen, um den finsteren Gestalten das Handwerk zu legen? Konkrete, technisch realisierbare Vorschläge erwünscht. Einfach nichts tun oder weiter machen wie bisher ist jedenfalls keine Option.

3 Kommentare

  1. Warum habe ich das Gefühl das du mich aus der Reserve locken willst?! Aber nagut, laufe ich dem Stöckchen mal hinterher.

    “Was kann man statt der derzeit notdürftigen Umsetzung sonst machen, um den finsteren Gestalten das Handwerk zu legen? Konkrete, technisch realisierbare Vorschläge erwünscht.”

    Heisst das jetzt das du mit einer notdürftigen Lösung zufrieden bist, oder das dich nur das ganze geheule im Internet ärgert?

    Die “notdürftige” Lösung ist ein Blendwerk, ausgedacht von Internetausdruckern und hilft niemanden.
    Warum?

    - So wie es bisher umgesetzt werden soll kann jeder das ganze innerhalb von 5 Minuten umgehen. Ich denke mal das diese Information in den entsprechenden Kreisen relativ schnell die Runde machen wird, bzw schon bekannt ist.

    - Der Umsetzungsvorschlag geht davon aus, dass das Internet nur aus Webseiten besteht. Von Usenet, torrents, ftp Servern etc. ist keine Rede. Auch hier ist davon auszugehen das die meisten Vertriebskanäle über diese Netze gehen.

    - Die Sperrliste soll von keiner weiteren Instanz als dem BKA verwaltet und geprüft werden. Das ist auf der einen Seite nachvollziehbar, weil eine solche Liste dann ihren Sinn verlieren würde. Bringt aber das Problem mit sich das keiner eigentlich weiss was Sache ist und ob nicht doch Non-KiPo gesperrt. Wer in die Liste schauen will oder sie öffentlich zur Verfügung stellt ist schonmal grundsätzlich verdächtig (dies ist ja jetzt schon der Fall: siehe Australiens Sperrliste auf wikileaks.de). Im Endeffekt weiss keiner was eigentlich verboten ist (gabs das nicht auch ungefähr so in 1984?).

    - Sofern die “Stopp-Seitenzugriffe” wirklich geloggt und zur Ermittlung genutzt werden, könnte man damit schöne Schweinereien anstellen. Links per Spam verteilen oder tiny Urls in Foren posten. Denunziation des Nachbarn für Dummies.

    - Richtig gut finde ich ja auch das unsere Regierung und das BKA diejenigen, die sich gegen ihre Ideen wenden, gerne durch die Blume als KiPo Konsumenten darstellen und so jegliche Disskusion beenden. (Wer nicht für uns ist ist gegen uns)
    Beispiel:
    Bundeswirtschaftsminister Karl Theodor zu Guttenberg zeigte sich unterdessen “sehr betroffen” über den regen Zuspruch zu einer Petition gegen die Initiative. Dadurch könne “pauschal der Eindruck entstehen”, dass es Menschen gebe, “die sich gegen die Sperrung von kinderpornographischen Inhalten sträuben”

    - Mmn ist die logische Konsequenz einer “Sperrliste” auch, das entsprechende Seiten zu finden und die Sperre zu umgehen auf dem Schulhof ne ganz große Sache wird (Was verboten ist, ist cool). Das ist spätestens dann ein Thema wenn die Liste öffentlich wird, und das wird sie irgendwann.
    Ach halt die Seiten die solche Listen veröffentlichen würden werden natürlich auch gesperrt ;)

    - Man bekämpft mal wieder Symptome und keine Ursachen. Und das ist eigentlich der wichtigste Punkt. Den Opfern wird nicht geholfen, und wer sehr zynisch ist könnte behaupten die Täter werden geschützt.

    Vorschläge muss ich im Grunde nicht ausdenken, das haben schon andere gemacht (siehe Pressemappe auf http://ak-zensur.de/ )
    Aber damit es am Ende nicht heisst ich wäre faul und mecker nur rum :

    Anstatt die ensprechenden Seiten auf eine Sperrliste zu packen, könnte man doch auch aktiv dagegen ermitteln. Seitenbetreiber ausfindig machen, deren Quellen ermitteln und gegen die eigentlichen Täter vorgehen. Wir sind doch so dick mit der EU und in internationaler Zusammenarbeit gegen KiPo. Oder Netzwerke infiltrieren und “verdeckt” gegen “Produzenten” und “Konsumenten” ermitteln. Ich kenn mich damit nicht aus, aber soweit ich weiss wird das bei Drogen auch so gemacht. Angeblich wird so auch gegen Terroristen und verfassungsfeindlichen Organisationen vorgegangen.
    Aus so Debakeln wie der “Operation Himmel” sollte man doch gelernt haben wie mans besser macht, oder?
    Passend hierzu: http://www.heise.de/ct/Die-Argumente-fuer-Kinderporno-Sperren-laufen-ins-Leere–/artikel/135867 (der Absatz “Aus den Augen …”)

    Schlusswort
    Meiner Meinung nach ist das jetzige Tamtam reinster Populismus. Die gewünschten Massnahmen lassen sich schnell und billig einführen, und das sogar noch vor der Wahl. Den Opfern hilft eine Sperre garnicht, aber das Wahlvieh ist zufrieden und nebenbei haben wir ein Zensurinstrument eingeführt. Wieder kann man den Bürger bevormunden, so wie es schon bei Filmen und Videospielen ist. Wer sich gegen die Massnahmen ausspricht ist im besten Falle übervorsichtg und im schlimmsten Fall ein KiPo Konsument.
    Schon jetzt melden die ersten Interresenten der Contentmafia ihren Bedarf an. Sperren für Extremisten, Raubmordkopierer, Egoshooter sowie kommerzielle und politische Zwecke werden folgen. Ist die Technik einmal da, dann muss sie auch genutzt werden.

    Und jetzt würd ich gerne mal deine Meinung zu den Thema hören :)

    ach und btw. zur Schweineseuche habe ich garkeine Meinung, das überlasse ich denjenigen die vor 10 Jahren Rinderwahngeschnetzeltes gegessen haben ;)

  2. Hi Frank,

    danke für den ausführlichen Kommentar/die ausführliche Zusammenfassung. Ja, ist schon arg provokant der Artikel, ich geb’s zu. Also ich halte die Sperre auch für totalen Blödsinn. Tatsächlich stört mich nur das von dir schon angesprochene “Geheule”.
    Mit dem Ausmaß der Sperre Richtung Zensur glaube ich, dass im Moment zu viel spekuliert wird (und rein negativ). Das BKA ist nicht gerade die Unschuld vom Lande, aber warum sich Blogger, die über Gott und die Welt schreiben, Sorgen machen, dass ihre Meinung zensiert werden könnte, halte ich für etwas übertrieben (auch wenn ich es nicht ganz ausschließen möchte). Um die Contentmafia mach ich mir da auch schon mehr Sorgen.
    Insgesamt finde ich dein Schlusswort sehr treffend. Viele Beiträge zum Thema kommen gar nicht bis zur Wahlwirklichkeit, von der ich mittlerweile auch annehme, dass sie viel entscheidender ist als andere Aspekte, und sehen nur noch Illuminati-Verschwörungen. Ich denk mal, die Zeit wird zeigen, wie effektiv man mit der Zensursula-Krücke umgehen wird.
    Besonders schade finde ich nur, dass eben solche Krücken verhindern, dass Gelder an die richtigen Stellen kommt (wie du schon sagst).

    Ein paar mehr Erläuterungen meiner Ansicht hab ich auch noch in den Kommentaren zu http://www.jensscholz.com/2009/04/warum-es-um-zensur-geht.htm geschrieben.

  3. Obwohl ich kein Freund der Zensur bin, muss ich Mathies’ Beitrag beipflichten. Auch ich habe von Kritikern der Sperrvorschläge hauptsächlich Herumgeheule anstatt konstruktive Vorschläge wahrgenommen.

    Ja, die Umsetzung ist lausig. Aber vielleicht wäre sie besser geworden, hätte man sich mit den Fragen frühzeitig sachlich beschäftigt und sein Know-how für eine gute Lösung eingebracht, anstatt den Zensurteufel an die Wand zu malen und über Ursula zu grinsen, weil sie keine Ahnung vom Internet habe?

    Im Übrigen kann ich aus meiner eigenen Erfahrung in ausgewählten Online-Diskussionen zum Thema beitragen: Kritikern der Sperrung wurde viel weniger vorgeworfen, selbst ein Interesse an Kinderpornografie zu haben, als jenen, die nicht strikt dagegen waren, sich vom Thema Kinderpornografie emotionalisieren zu lassen, dadurch blind zu werden und damit das Ende der Demokratie einzuläuten. Ebenfalls ein tolles Totschlagargument, oder?