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Die Deutschen lieben Statistiken – und werden mit ihnen entsprechend überschwemmt. Dabei sind viele Angaben praktisch nutzlos.
Viele Statistiken warten mit Zahlen auf, die völlig von ihrem Kontext befreit werden. Dadurch werden sie unterhaltsamer und verständlicher, aber auch ungenauer oder sogar irreführend.
Beispiel 1. Sinnlose Statistik
Galileo, Magazin des Halbwissens mit fragwürdiger Online-Zahlenwelt, schreibt bei seinen Zahlenbeispielen[1] unter anderem:
Wahrscheinlichkeit, dass ein weltweit verkauftes Markenprodukt gefälscht ist: 1 zu 10.
Aha: Wenn der Satz so stimmt, dürfte etwa jedes zehnte Produkt in meiner Wohnung eine Fälschung sein. Ist der Schrank wirklich von IKEA, mein Dell-PC von Dell? Tatsächlich ist der Sachverhalt viel komplexer und muss eingeschränkt werden. Die obige Aussage verrät nicht wer, wo, was oder wann gefälscht wird. Ob diese Aussage also irgendeine Relevanz für einen selbst hat, ist völlig offen. Weiterhin ist völlig unklar, wer diese Statistik erstellt hat und auf welchen Daten sie beruhen. Sind die Erheber unabhängig oder arbeiten sie für eine bestimmte Organisation oder Firma? Sind die Fälle, die geprüft wurden, überhaupt repräsentativ? Und aus welchem Zusammenhang wurden sie genommen?
Neben solchen nichtssagenden Zitaten werden Statistiken oft auch gezielt eingesetzt, um Zielgruppen zum eigenen Vorteil oder Vorteil Dritter von Standpunkten zu überzeugen, die sich mit ein paar geschönten Statistiken gut „untermauern“ lassen.
Ein beliebter Trick: Prozentangaben machen, wenn es keinen Sinn macht. Hierzu ein Beispiel:
Die Firma F. schreibt in ihrer jährlichen Ausgabe des Firmenblattes:
Wir freuen uns, mitteilen zu können, dass wir die Stellen im IT-Bereich um 40% aufstocken konnten.
Dabei verrät die Firma F. allerdings nicht, dass
- der IT-Bereich im Vergleich zu anderen sehr klein ist
- sie ihre Mitarbeiterzahl von 10 Mann auf 14 aufgestockt hat.
Die Sensation „Arbeitsplatzbeschaffung“ ist also gar keine.
Statistiken, deren Titel mit „Durchschnitts-“ beginnen, sind mit Vorsicht zu genießen. Bestes Beispiel ist das so oft erwähnte Durchschnittseinkommen. Oftmals wird zumindest noch Ost- und Westdeutschland oder Männer von Frauen unterschieden, um mal wieder darauf hinzuweisen, dass die Gehälter noch immer nicht angeglichen sind. Es stört aber kaum jemanden, dass das angegebene Durchschnittseinkommen kaum eine Aussage hat:
Die erfassten Extreme (also die geringsten und höchsten Werte) liegen zu weit auseinander. Das Mittel daraus ist nicht repräsentativ. Die Werte sind ungleichmäßig gewichtet. Wenige Menschen sind sehr reich, während viele mittlere oder geringe Einkommen beziehen. Daher auch der recht hohe Wert. Das hat ungeahnte Konsequenzen. Der Durchschnittslohn scheint für die Reicheren zu sprechen, denn der absurde Eindruck entsteht: Wenn der Durchschnittslohn in Deutschland so hoch ist, kann von Armut gar nicht die Rede sein.
Zur Verdeutlichung ein (drastisches) Beispiel: Wir wollen das Durchschnittsgehalt von zehn Menschen errechnen, die in der gleichen Firma arbeiten. Neun von ihnen verdienen 1000 Euro brutto, während der zehnte – zufällig Chef – 10000 verdient. Das Durchschnittseinkommen errechnet sich aus der Gesamtsumme (19000) geteilt durch die Anzahl der Mitarbeiter (10). Durchschnittlich verdient also jeder von ihnen 1900 Euro. Dass neun der Mitarbeiter also gerade mal etwas mehr als die Hälfte des Durchschnittslohns verdienen, wird völlig verschleiert.[2]
Wenn die Ergebnisse einer Untersuchung trotz großer Bemühungen nicht das hergeben, was man sich wünscht, hat man als manipulatives Unternehmen die Möglichkeit, die Regeln, nach denen die Ergebnisse gewertet werden, anzupassen, um das Resultat in die “richtige” Richtung zu führen.
Betrachten wir hierzu erneut die Firma F.:
Bisher wurde jährlich eine Statistik zur Entwicklung der einzelnen Abteilungen veröffentlicht. In den letzten Jahren ließ sich in der kaufmännischen Abteilung prozentual immer ein kleiner Zuwachs feststellen. Nur dieses Jahr würde der Zuwachs ausbleiben, denn eine Grippewelle sorgte monatelang für Ausfälle. Um die Statistik zu schönen, entschließt sich der vor Angst schweißtriefende Abteilungsleiter, die Kranken einfach komplett aus der Statistik zu entfernen. Die verbleibenden Mitarbeiter haben sich im Vergleich zum Vorjahr wieder ein bisschen gesteigert, sodass die Statistik so erscheint wie gewünscht.
Unübertroffen ist aber immer noch die Realität. Man erinnere sich an den Skandal um die Zählung der Arbeitslosen.
Allzu oft werden Dinge miteinander verglichen, die nicht viel miteinander gemein haben oder von ihrem Zusammenhang befreit wurden. Auch hier lässt sich je nach angestrebter Meinung entweder die eine oder andere “Wahrheit” finden. Beliebt sind zum Beispiel Vergleiche der Art “Deutschland gegen die Welt”. Je nachdem, mit welchem Land man vergleicht, lässt sich festhalten, dass Deutschland besonders schlecht/moderat/gut abschneidet. Irgendetwas findet sich immer.
In manchen Fällen ist es möglich, besonders interessante Ergebnisse zu erhalten, indem man falsche oder Suggestiv-Fragen stellt.
Die Firma F., bereits durch einige interessante Methoden aufgefallen, lässt sich auch hier nicht lumpen. Der Chef ist überzeugt: Es muss ein Fitnessbereich für die Angestellten angelegt werden, um die körperliche Verfassung der zumeist in Büros arbeitenden zu verbessern. Bei ersten internen Umfragen stellt sich heraus, dass die meisten Mitarbeiter nicht viel von der Idee halten. Also wird ein besonderer Fragebogen erstellt, um das Ergebnis von vornherein zu sichern. Fragen wie diese tauchen darin auf:
Sind Sie mit Ihrer Figur zufrieden?
- Ja, ich habe nichts gegen ein paar Pfund mehr.
- Ich hätte nichts gegen ein paar Workouts einzuwenden.
- Mein Übergewicht macht mir zu schaffen.
- Wann geht’s los?
Abschließend bleibt mir nur noch folgendes Zitat:
Statistik: Wenn der Jäger am Hasen einmal links und einmal rechts vorbeischießt, dann ist der Hase im Durchschnitt tot.
Weiterführende Links:
[1] [Stand: 11.08.07]
[2] Um die Durchschnittslohn-Idee auf die Spitze zu treiben, hat sich jemand den Spaß gemacht, das „Weltsozialprodukt“ zu berechnen. Erkenntnis: Im Libanon kann man ziemlich durchschnittlich einkaufen.