Durch eine ungewollte Pause war letztens etwas Zeit, um sich die Casinos um den Bahnhof herum anzuschauen. Wie mir schon vor Wochen auffiel, sind ein paar neue dazugekommen. Die Bremer scheinen nicht mehr an eine gerechte Welt zu glauben.
Wenn man sich anschaut, welche Widersprüche sich bei genauerer Betrachtung auftun, wird klar, warum.
Das Big Cash Casino am Hillmannplatz. Liegt grob in der Nähe des Hauptbahnhof-McDonald’s, dort um die Ecke. Die Kombination Blau-Gelb macht abenteuerlustig. Wer nach dem Geldverlieren noch nicht bedient ist, kann bei Donnerschlag nebenan reinschauen, sich den Frust abtanzen und noch mehr Geld ausgeben.

Hier lockt das ganz große Geld
Nur ein paar Meter entfernt:

Sonnige Aussichten mit den Freunden vom Merkur
Wie man an der Bezeichnung “Spielothek” erkennen kann, gibt es den Laden schon länger. “Casino” ist eindeutig Las-Vegas-Vokabular.
Momentan werden Fachkräfte für Automatenservice gesucht, um in das spritzig-quirlige Merkur-Team aufgenommen zu werden, denn “Sie gehören in unser Team!” und “[...] sollten sich am besten sofort bewerben!”

Beruf mit Zukunft: Automatenservicekraft
Direkt neben der Spielothek beginnt der McDonald’s. An der Ecke zur Querstraße sind erste Anzeichen für unerwünschte Assoziationen zu entdecken.

Job? Spielen. Essen.
Wer nach einer erfolgreichen Sitzung bei der Job AG (Motto: “Wir eröffnen Ihnen neue Perspektiven”) plötzlich Geld hat, kann sofort bei Merkur vorbei schauen und mit den letzten Cents, die dann übrig bleiben, bei McDonald’s einen Ein-Euro-Burger kaufen.
Wieder nur ein paar Meter weiter in Richtung Cinemaxx, dem beliebten Gammel-Kino, befindet sich das Automatencasino Bremen.

Wer ist hier der Automat?
Der Name suggeriert, dass dieses Casino nur für Automaten gedacht ist. Wer eine lange Spielerlaufbahn hinter sich gebracht hat, kann sich das sicher von einem Arzt attestieren lassen.
Das Casino Bremen macht unterschwellig an der Einkaufsmeile Werbung:

Werbung für's Automatencasino
Der Vergleich des Symbols mit dem Schriftzug vor Ort macht deutlich: Casino Bremen und Automatencasino Bremen sind identisch Teil des gleichen Unternehmens, wobei das “klassische Spiel” nicht in Bahnhofsnähe, sondern in der Böttcherstraße stattfindet.
Gleich neben dem Casino lockt die Unschuld:
Der Sozialverband Deutschland setzt sich für mehr soziale Gerechtigkeit ein. So schreibt Adolf Bauer, Präsident des Verbands:
Soziale Gerechtigkeit steht im Mittelpunkt unserer Arbeit. Wir setzen uns für den Ausbau und den Erhalt der sozialen Sicherungssysteme ein. Der Sozialstaat ist ein wichtiges Auffangnetz für die Menschen – das zeigt sich gerade in der jetzigen Wirtschaftskrise.
In Nachbarschaft zum Bahnhof ist ein höllisch neues Casino zu finden. Es ist nicht irgendein Casino, es ist das CASiNO. Drinnen steht sicher Harvey Keitel und begrüßt die Unglückseligen.

Das ... Casino, teuflisch

Der Eingang zur Spielhölle
Den Blick abwendend und Richtung Straßenbahnen gehend bietet sich einem bald dieses Bild:

DGB vs "spritzige Meile"
Links das Gewerkschaftgebäude in unauffälligem rot, das bei Nacht und spannender Beleuchtung den Charme einer kommunistischen Hochburg hat. Rechts eine kleine Fixer-, Erotik- und (neuerdings) Casinomeile.
Dort befindet sich das nächste Objekt von Interesse:

"Casino am Bahnhof" - ein Name, der keine Fragen offen lässt
Der Schriftzug auf dem Gebäude, das man im Bild sehen kann, wird wohl “Barbary Coast” bedeuten, in Anlehnung an das Hotel/Casino in Las Vegas.
Auf den ersten Blick könnte man den Besitzern für diese geistreiche Assoziation auf die Schulter klopfen, wenn sich nicht die Frage stellen würde, was “Barbary Coast” denn nun eigentlich heißt.
Wenn man also tiefer gräbt, findet man neben einer Flopserie mit William Shatner gleichen Namens auch die ursprüngliche Bedeutung. Bei dieser Küste handelt es sich um Teile Nordafrikas, in denen Piraterie & Co zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert die “Haupteinnahmequelle” war:
Haupteinnahmequelle der Barbareskenstaaten war die Piraterie und damit einhergehend Menschenraub, Sklavenhandel und Lösegelderpressung. Moderne Schätzungen gehen davon aus, dass in den Barbareskenstaaten zwischen 1530 bis 1780 etwa 1,25 Millionen Menschen versklavt wurden, die meisten davon durch Raubzüge an den Küsten Italiens, Spaniens und Portugals. Die Zahl entspricht etwa einem Zehntel des transatlantischen Sklavenhandels. (Wikipedia-Artikel)
Der Zusammenhang von Piraterie bzw. Lösegelderpressung und Casinos leuchtet unmittelbar ein. Ob dem Image eines Casinos damit jedoch geholfen ist?

UFO, der Planet?
Vielleicht bin ich nicht schlau genug, aber ich habe keine Ahnung, was PLANET UFO bedeuten soll. Ist aber auch egal. Wie man an den Fotos an der Fassade erkennen kann, haben im PLANET UFO alle Leute unglaublich viel Spaß und räkeln sich wahlweise auf den Tischen oder in übergroßen Karten.
Das Vorspielen des Gegenteil von dem, was man in einem Casino tatsächlich macht (Geld verlieren, schwitzen, weinen) hat Methode. Auch in vielen anderen Casinos sind solche Fotos zu finden.
Eine Ecke weiter ist ein weiterer Oldie zu finden:

"Kings Play" - nicht der Titel eines Musicals
Im Vergleich zur Konkurrenz etwas armselig leuchtreklamt KINGS PLAY vor sich hin. Es fehlen lachende, vergnügt aussehende Leute auf großen Postern. Aber wer weiß: Vielleicht sind die Reklamen bei Nacht unwiderstehlich
…
Das war’s vorerst zum Thema Casinos im Ballungsraum Bremen-Hauptbahnhof. Damit nicht der Eindruck entsteht, die Gegend um den Bahnhof sei unansehnlich und zu vermeiden, gibt’s noch ein Panorama, zwischen Bahnhof und Einkaufsmeile aufgenommen, bei Touristen beliebt:

Kaffee-Mühle von einer Brücke gesehen
Man beachte den blauen Schlumpf, der als Vogelscheuche getarnt vor der Mühle steht. Das ist sicher Schleichwerbung für den 2011 anlaufenden Film “The Smurfs”.